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20200911_Ökumenischer Gottesdienst_Regina Raithel_6273

Hilpoltstein ist bunt

Hilpoltstein ist bunt
Parteien und Fraktionen im Hilpoltsteiner Stadtrat gründen Initiative
Die Parteien und Stadtratsfraktionen in Hilpoltstein – Bündnis 90 / Die Grünen (GRÜNE), Christlich-Soziale Union (CSU), Freie Wähler (FW) und Sozialdemokratische Partei Deutschlands (SPD) – haben Anfang August die Initiative Hilpoltstein ist bunt ins Leben gerufen. Die Initiatoren sprechen sich für eine offene und demokratische Gesellschaft und gegen rechte Meinungsmache aus. Anlass dafür sind die Demonstrationen, die seit einigen Wochen samstags in Hilpoltstein stattfinden. Anfangs lockten sie einige auf Grund der Corona-Krise besorgte Bürgerinnen und Bürger aus dem Landkreis an, die sich auf das Grundgesetz beriefen und gegen die Einschränkungen ihrer Freiheiten wendeten. Wirkte das noch harmlos, entwickelte es sich nach und nach zu organisierten Treffen, die zwar öffentlich zum Austausch unter dem Begriff der Meinungsvielfalt aufrufen, in Wirklichkeit jedoch dem Austausch von kruden Einordnungen und Verschwörungstheorien dienen.
Viele der „Corona-Rebellen“ bezweifeln die Corona-Pandemie. Staatliche Institutionen wer-den als erklärtes Feindbild und als unglaubwürdiger Teil eines großen Verschwörungskomplexes dargestellt. Mehr Glaube schenkt man Youtube-Kanälen, die auf verschiedene Weisen die Corona-Pandemie zum aufgeblasenen Schreckgespenst erklären. Ausführungen über das Versagen des Staates, die Verharmlosung von Kriegsverbrechern durch angeblich falsche Berichterstattung, die abwertende Verwendung des Begriffes „Leitmedien“ und die bewusst nicht eindeutige Distanzierung zur Anwesenheit von AfD-MdL Ferdinand Mang oder einem bekannten Reichsbürger zeigen klare Tendenzen.
Die Initiative Hilpoltstein ist bunt will auf die fehlende Abgrenzung gegen rechtes Gedankengut, wie sie bei den Großdemonstrationen in Berlin deutlich wurde, sich genauso aber auch in Hilpoltstein zeigt, aufmerksam machen. In der Woche für das bürgerschaftliche Engagement (11. bis 20. September 2020) hat es sich die Initiative zum Ziel gesetzt, mit unterschiedlichen Veranstaltungen Aufmerksamkeit und Bewusstsein zu schaffen.

„Fürchte dich nicht!“ – Ökumenischer Gottesdienst am Mahnmal an der Gredinger Straße

Während des Nationalsozialismus stand an der Gredinger Straße in Hilpoltstein ein großer Obelisk, auf ihm thronte, weithin sichtbar, ein überdimensionales Hakenkreuz. „Das Hakenkreuz ist ein Zeichen für Hass, Rassismus und eine Diktatur, die wir 75 Jahre hinter uns glaubten“, mit diesen Worten eröffnete Stadtrat Christoph Raithel den Ökumenischen Gottesdienst zum Auftakt der Aktionswoche.
Bereits kurz nach Kriegsende im Jahr 1945, sei das Hakenkreuz per Panzerbeschuss zerstört und noch am 20. November desselben Jahres ein Kreuz als Mahnmal und in Gedenken an die Opfer eingeweiht worden. Heute sei es nicht das Hakenkreuz, aber andere Symbole, die in Zusammenhang mit dem NS-Regime stehen, wie die Reichskriegsflagge, die beim „Sturm auf den Reichstag“ vor einigen Wochen verwendet worden seien. In Deutschland herrsche Meinungsfreiheit betonte Raithel bei seiner Einführung. In Deutschland herrsche Demokratie und jeder dürfe staatliches Handeln hinterfragen. Als mündige Bürger sei man sogar dazu aufgefordert, dies zu tun. Genauso liege es aber auch in der Verantwortung einer jeden und eines jeden Einzelnen, sich deutlich gegen rechte Ideologien und rechtsextremes Gedankengut abzugrenzen.
Den ökumenischen Gottesdienst gestalteten Pfarrerin Verena Fries und Diakon Heinrich Hofbeck, knapp 100 Teilnehmer zog es dazu zum Mahnmal. Musikalisch begleitet wurde die Feier von Peter Knaupp an der Gitarre. Im Lesungstext aus dem Buch Jesaja spricht Gott jeder und jedem zu „Fürchte dich nicht, denn ich stehe dir bei.“ Zu Beginn der Predigt widmete sich Diakon Hofbeck diesem Ausspruch: „Ich fürchte mich schon!“ Was, wenn ein nahestehender Mensch oder man selbst an Covid19 erkranke oder gar sterben müsse? Es sorge ihn, dass viele Existenzen bedroht seien. Die fehlenden sozialen Beziehungen würden ihn ängstigen.
Ebenso mache Hofbeck der Missbrauch der Meinungsfreiheit Angst. Dass Geschehnisse, wie in Berlin vor einigen Wochen im Deutschland des 21. Jahrhunderts möglich seien, dürfe nicht sein. Das sei unerträglich. Die Angst vor Veränderung lähme die Menschen. Es müssen neue Wege und neue Verhaltensweisen gelernt werden, das zwinge jede und jeden zur Änderung.
Der Diakon verlieh seiner Sorge Ausdruck, dass die Angst der Menschen vor Veränderung zum Türöffner für Nationalisten und Populisten werde, wie es sie bereits an vielen Stellen gebe, egal ob in Russland, in Amerika, der Türkei, in Syrien oder in Belarus.
„Fürchte dich nicht!“ setze Pfarrerin Fries den nachdenklichen Worten ihres katholischen Kollegen entgegen. Auch wenn immer wieder Angst aufkomme, spreche einem der Schöpfer „ich bin bei dir“ zu. Für sie sei es eine große Freude in einer Demokratie leben zu können. Dabei könne man sich nicht aussuchen, in welches politische System hinein man geboren werde. Aber man könne beeinflussen, was sich daraus entwickle. „Und ich möchte, dass unsere Gesellschaft so offen und so bunt bleibt, wie wir sie kennen!“ bekräftigte Fries.
Dazu brauche es aber das Zutun der Gesellschaft, nur wenn man gemeinsam Sorgen und Ängste teile und sich gegenseitig Zeit zum Lernen gebe, könne dies gelingen. Dabei sollen alle zu Wort kommen. Hass erfüllte Reden sollten jedoch verklingen und die Demokratie gefeiert werden. Fries dankte den Regierenden für ihr verantwortungsvolles Handeln.
Gott könne den Menschen eine Rückenstärkung geben, deren Hoffnung am Schwinden sei, dazu brauche es Gespräche statt Spaltung, denn ein Schwarz-Weiß-Denken stehe im Wiederspruch zur Idee Gottes.
Als Zeichen der in Hilpoltstein gelebten Inklusion nahm auch eine Wohngruppe von Regens Wagner Zell teil, die den Texten und Ansprachen dank Gebärdendolmetscherin folgen konnten.

Unterstützer gesucht

Das Statement zur Gründung der Initiative im Juli ist im Wortlaut auf den Internetseiten der Parteien zu finden, aktuelle Informationen werden auf Facebook (www.facebook.com/hipistbunt) und Instagram (www.instagram.com/hipistbunt) geteilt.
Die Initiatoren freuen sich über Vereine, Verbände, Institutionen, aber auch Einzelpersonen und Geschäftsleute, die das Anliegen einer offenen und demokratischen Gesellschaft und gegen rechte meinungsmache unterstützen. Um im Wortsinn „Flagge zu zeigen“ können in der Residenz Hilpoltstein #HIPistbunt-Plakate für Garagentore, Vereinsheimen, Fenstern, Schaukästen usw. abgeholt werden.
Für Fragen stehen alle Stadtratsmitglieder zur Verfügung (www.hilpoltstein.de/stadtrat).

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Umgesetzt von Henry Lai